Projektsteckbrief: Beschäftigtenperspektiven auf die Transformation in der Automobilwirtschaft

Art des Projekts: Kooperationsprojekt
Handlungsfeld: Arbeit und Beschäftigung
Projektverantwortung: IG Metall Chemnitz/Zwickau
Durchführende: Friedrich-Schiller-Universität Jena/Universität Kassel
Auftragszeitraum: Dezember 2024 – Januar 2026

Die Studie „Nichts ist sicher!“ beleuchtet, wie Beschäftigte eines Automobilzulieferers in Südwestsachsen den tiefgreifenden Wandel der Branche erleben. Auf Grundlage von 36 qualitativen Interviews mit Beschäftigten aus Produktion, Logistik, Qualitätssicherung, Verfahrenstechnik, Forschung und Entwicklung zeigt sich ein widersprüchliches Bild: Viele Mitarbeitende fühlten sich zunächst vergleichsweise sicher, zugleich wächst die Unsicherheit mit Blick auf den Konzernumbau, den internationalen Wettbewerb und die Zukunft des Verbrennungsmotors.

Besonders deutlich wird, dass die Belegschaft über großes Fachwissen verfügt, sich in politischen und unternehmerischen Transformationsprozessen jedoch oft nicht ernst genommen fühlt. Skepsis gegenüber E-Mobilität bedeutet dabei nicht automatisch Ablehnung von Klimaschutz. Vielmehr wünschen sich viele Beschäftigte realistische Perspektiven, Technologieoffenheit, Planungssicherheit und mehr Mitsprache. Hinzu kommen eine starke regionale Heimatverbundenheit, ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden sowie hohe Erwartungen an Betriebsrat und Gewerkschaften.

Die Untersuchung macht deutlich: Der Umbau der Automobilwirtschaft kann nur gelingen, wenn Beschäftigte nicht nur betroffen sind, sondern als Expertinnen und Experten der Transformation anerkannt und einbezogen werden.

Die Studie identifiziert zwei zentrale Ankerpunkte im Transformationsprozess: Ein starkes Heimatgefühl, das für die Belegschaft Vorrang vor der Konzernloyalität hat und selbst finanzielle Nachteile in Kauf nimmt, sowie das tiefe Empfinden, nicht wertgeschätzt zu werden. Trotz vorhandener Fachexpertise fühlen sich die Beschäftigten von den Entscheidern übergangen und im Umbau nicht gehört – ein Mangel an Anerkennung, der als persönlicher Ehrverlust erlebt wird und die eigentlich vorhandene Sicherheit am Standort trübt.

Die komplette Studie hier lesen: Download (4 MB)

Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse der Studie:

1. (Un-)Sicherheit

Trotz eines sich ständig verändernden Umfeldes wähnte sich die Belegschaft zum Zeitpunkt der Haupterhebung auf der sicheren Seite. Diese vermeintliche Gewissheit erweist sich jedoch als trügerisch, weil der Umbau des Konzerns mit zahlreichen Unwägbarkeiten verbunden ist.

2. Forschung & Entwicklung

Von anderen Zulieferern im deutschen Osten unterscheidet sich das untersuchte Werk, weil es über eine eigene F&E-Abteilung verfügt. Dies ist ein Standortvorteil auf Zeit, der aber nicht garantiert, dass innovative Produkte auch vor Ort hergestellt werden.

3. E-Mobilität?

Unter den Befragten sind skeptische Haltungen gegenüber Antriebswende und E-Mobilität verbreitet, Rufe nach Technologieoffenheit stoßen auf offene Ohren. Das ist aber keine generelle Absage an Klimaschutz und batterieelektrischen Verkehr.

4. Fachlichkeit

Viele Befragte betrachten sich selbst als Experten/Expertinnen für Antriebe, Autos, Verkehr und Mobilität. Weil dieses Fachwissen seitens der Entscheider nicht nachgefragt wird, empfinden viele den sozial-ökologischen Umbau als von oben angeordnet. Sie zweifeln am Sachverstand politischer Entscheidungsträger.

5. Heimatliebe

Im Vergleich zu anderen Unternehmen ist die Identifikation mit dem Konzern gering. Dafür ist die Heimatverbundenheit umso stärker ausgeprägt. Im Zweifelsfall verzichtet man auf Geld, um mit der Familie am Heimatort leben zu können.

6. Marktgläubigkeit

Viele Befragte, auch Arbeiterinnen und Arbeiter, denken betriebswirtschaftlich. Sie betrachten die Marktwirtschaft als harten Konkurrenzkampf, der Anpassung unausweichlich macht. Zugleich richten sie hohe Erwartungen an den Staat, der die negativen Folgen dieses Konkurrenzkampfs abfedern soll.

7. Ehrverlust

Vor allem Arbeiterinnen und Arbeiter fühlen sich ungesehen und ungehört, das wird als Ehrverlust erlebt.

8. Sichtweisen

Der Betriebsrat genießt in der Belegschaft hohe Anerkennung. Während ein Teil der Befragten für „politisch neutrale“ Gewerkschaften plädiert, pochen andere auf aktives Engagement für den sozial-ökologischen Umbau.

Weitere Informationen